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2004-04 |
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Der Schornsteinfeger als Symbolfigur |
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| Es gibt Gestalten im Leben, die einen hohen Symbolwert haben. Zum Beispiel der Schornsteinfeger. Wenn wir als Kinder einen Schlotfeger sahen, in schwarzer Kluft, mit Zylinder, Leiter und Besen, dann wurde uns erklärt: „Der bringt Glück!“ Mit den Augen des Erwachsenen sieht man das allerdings etwas anders. Ein Glücksbringer ist er geblieben, der Schlotfeger. Aber nicht für andere, sondern vor allem für sich selbst. | |
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Symbol für nutzlose Beschäftigung Heute ist der Schornsteinfeger vor allem ein Symbol für nutzlose Beschäftigung. Er kehrt saubere Kamine, führt Messungen doppelt aus, die vorher bereits gemacht wurden, überprüft Heizungen, die gerade erst justiert und besichtigt Feuerstätten, die längst für gut befunden wurden, und das alles möglichst oft. Außerdem erheben die Kaminfeger jährlich 180 Millionen Daten, die großenteils überflüssig sind, eine ganz besondere Art von Wertschöpfung. Mag der größte Teil der schlotfegerlichen Tätigkeit auch nutzlos erscheinen, unsere wackeren Kaminkehrer haben es trotzdem geschafft, sich in die Weltspitze hochzuarbeiten. In Deutschland gibt es zehnmal so viel Schornsteinfeger wie in den ganzen Vereinigten Staaten von Amerika! Schornsteinfegerbetriebe je 1 Million Einwohner gibt es in den USA 3, ebenso wie in Frankreich, Großbritannien oder Holland, in Deutschland jedoch 97. Das macht uns so leicht keiner nach! Und die Schornsteinfeger sind weitsichtig. Sie peilen längst weitere nutzlose Beschäftigungen an. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kommen sie auch noch als staatlich verordnete Energiesparberater ins Haus und kontrollieren die Wohnraumbelüftung. Das können sie selbstverständlich nicht machen, wenn sie ohnehin im Haus sind, sondern dazu wird dann sicherlich ein zusätzlicher Hausbesuch erforderlich sein. Schornsteinfeger sind schließlich kostenbewusst. Das Kostenbewusstsein ist bei den Schornsteinfegern besonders ausgeprägt. Deshalb kommen sie auch jetzt schon viel öfter ins Haus, als eigentlich notwendig wäre. Sie handeln ganz rational nach der Devise: je mehr Kosten desto mehr Umsatz. Den Umsatz machen sie und die Kosten tragen Hausbesitzer und Mieter. Außerdem sind die Schlotfeger lernfähig. Besonders von den Gewerkschaften scheinen sie viel gelernt zu haben. Wie diese sind sie Meister in der Besitzstandswahrung. Als in England die Dampfloks durch Elektrische Lokomotiven ersetzt wurden, bestand die Gewerkschaft darauf, dass trotzdem ein Heizer mitfuhr. Der Heizer auf der E-Lok hatte natürlich nichts zu tun, er war so überflüssig wie ein Schornsteinfeger. Aber es ging eben ums Prinzip, wie bei den Schlotfegern. Symbol für Monopolisten Wie haben sie das alles schaffen können? Die Grundlage für ihr umfangreiches Wirken ist das Bundesgesetz über das Schornsteinfegerwesen, das bestimmt, dass Kehr- und Überprüfungsarbeiten nur von den Bezirksschornsteinfegermeistern ausgeführt werden dürfen. Es ernennt also die Schornsteinfeger zu Monopolisten. Seit die Wirtschaftspolitik erkannt hat, dass die Verhinderung des Wettbewerbs durch Monopole und Kartelle die Kosten und Preise für den Verbraucher in die Höhe treibt und zum Machtmissbrauch einlädt, war man durch eine entsprechende Kartellgesetzgebung bemüht, den Wettbewerb zu schützen. Nur in ganz wenigen Fällen sind Kartelle und Monopole noch erlaubt. Die bekanntesten Ausnahmen sind das Tarifkartell und das Schornsteinfegermonopol. Das erklärt auch, warum die Schornsteinfeger auf ihren Berufsstand so stolz sind, sie sind sozusagen die letzten Monopolisten, die es hierzulande noch gibt. Da kann man es auch verstehen, wenn sie sich ihrer privilegierte Sonderstellung bewusst sind und den Hausbesitzer gelegentlich die „Arroganz der Macht“ spüren lassen. Das Tarifkartell zum Beispiel funktioniert so, dass es allen, die drin sind, also den Arbeitsplatzbesitzern, gut geht auf Kosten derer, die draußen sind, also der Arbeitslosen. Lieber mehr Arbeitslose als Verzicht auf Tarifforderungen, war seit vielen Jahren die Losung. Beim Schlotfegermonopol ist es ähnlich. Die, die drin sind, denen geht es gut und die, die draußen sind, in diesem Fall die Hausbesitzer und Mieter, zahlen die Zeche. Und wer die Zeche nicht rechtzeitig zahlt, bei dem wird sie von der Ordnungsbehörde „beigetrieben“. Der Schornsteinfegermonopolist hat noch nicht einmal Ärger mit den Außenständen, wie das bei anderen Handwerkern der Fall ist. Auch sonst wissen die Schlotfeger offenbar ihre Monopolstellung zu nutzen. Vollautomatische Abgasüberwachungsanlagen, wie man sie in anderen Ländern kennt, sind bei uns erst gar nicht eingeführt worden. Und jeder Hersteller von Feuerungsanlagen ist natürlich darauf bedacht, Ärger mit den Überwachungs-Monopolisten zu vermeiden, das ist verständlich. Im übrigen soll es immer noch Hausbesitzer geben, die von der irrigen Annahme ausgehen, sie seien Kunden des Schornsteinfegers. Damit liegen sie natürlich ganz schief. Der Schornsteinfeger lebt zwar von ihnen , so wie auch der Finanzbeamte vom Steuerzahler lebt. Aber man darf nicht erwarten, dass sich das irgendwie auf sein Verhalten auswirkt. Ein Schornsteinfeger, steht im öffentlichen Dienst und ist damit sozusagen ein Hoheitsträger. So steht es im Gesetz. Deshalb vereinbart er auch nicht mit Ihnen einen Termin, sondern er teilt Ihnen mit, an welchem Tag sie sich bereitzuhalten haben. Und dann gibt es noch Hausbesitzer, die so naiv sind zu glauben, man könnte das Schlotfeger-Monopolgesetz einfach abschaffen. Aber ein Gesetz abzuschaffen ist in Deutschland höchst unwahrscheinlich, irgendwie wäre es ja auch widersinnig, wo wir doch im Eiltempo laufend neue produzieren. Es könnte allerdings sein, dass in Brüssel ein Kommissar auf die Idee kommt, das deutsche Schornsteinfegermonopol abschaffen zu wollen, damit auch ein französischer Kaminfeger im Saarland tätig werden kann. Aber auch das halte ich für unwahrscheinlich. Ich vermute, dass Außenminister Fischer deshalb neuerdings so oft vom Europa der zwei Geschwindigkeiten spricht. Andere Länder könnten die Schornsteinfeger geschwind abschaffen und wir schalten dafür noch einen Gang zurück. Symbol für Lobbyisten Im übrigen haben es sich die Schornsteinfeger ja nicht leicht gemacht, sie haben sich nicht nur auf das Monopolgesetz verlassen, sondern sie haben auch hervorragende Lobby-Arbeit geleistet, sie sind zum Symbol für eine erfolgreiche Lobby geworden. Das beste Beispiel für die gute Öffentlichkeitsarbeit der Schlotfeger ist Wirtschaftsminister Dr. Döring. Im Dezember 2000 versicherte der Minister den Schornsteinfegern in einer flammenden Rede, dass sie wesentlichen Einfluß auf die Rechtsvorschriften hätten, die in seinem Ministerium entworfen werden, dass das Wirtschaftsministerium versucht, ihnen ein verlässlicher Partner zu sein und dass er als Wirtschaftsminister zu ihrem Handwerk steht. Wen wundert es da, dass der Wirtschaftsminister wenig später zum Ehrenschornsteinfeger ernannt wurde! Das war ohnehin längst fällig, denn zwischen dem Wirtschaftministerium als Aufsichtsbehörde und den Schornsteinfegern besteht seit vielen Jahren eine innige Zusammenarbeit. Man sieht das an der Prozedur der Gebührenfestsetzung. Die Tätigkeit der Schornsteinfeger – Monopolisten hat ja keinen Marktpreis. Das ist verständlich, denn am freien Markt wäre sie praktisch unverkäuflich. Deshalb müssen Gebühren festgesetzt werden. Die Gebühren rechnen sich die Schornsteinfeger selbst aus und die Beamten der Aufsichtsbehörde genehmigen sie. Und der Minister versichert, dass er zu ihrem Handwerk steht (siehe oben), schließlich ist er ja Ehrenschornsteinfegermeister. Auch das Kostenbewusstsein der Schornsteinfeger wird vom Ministerium ausdrücklich gestärkt. Als Laien meinen die Hausbesitzer natürlich, die Kosten müssten sinken, wenn sie statt zweimal nur einmal zahlen müssten, nämlich nur für die Wartung der Heizanlage und nicht auch noch für das Nachgucken durch den Schlotfeger. Das Wirtschaftsministerium hingegen ist überzeugt, dass bei einer Liberalisierung des Schornsteinfegerwesens alles noch teuerer wird. Da wird sich vor allem unser Herr Ministerpräsident wundern. Der hat auch geglaubt, es würden Kosten eingespart, wenn es mehr Wettbewerb gibt. Aber das Wirtschaftsministerium weiß das besser. Das Wirtschaftsministerium weiß schließlich, was es an den Schornsteinfegern hat. Wenn ich die einschlägigen Hinweise des Ministeriums richtig verstehe, gibt es mindestens zwei Qualitätsstufen im Handwerk. Zur unteren Kategorie gehören die Heizungsbauer. Sie können die Heizung nur einrichten. Hingegen gehören die Schlotfeger zu einer deutlich höheren Qualitätsstufe, weil sie auch die Messinstrumente ablesen können. Das kann man als Hausbesitzer natürlich nicht wissen. Symbol für Law and Order Die Allianz mit der Staatsbürokratie hat den Symbolwert der Kaminfeger weiter erhöht. Der Staat hat die Aufgabe, für die Einhaltung der bestehenden Gesetze zu sorgen und die Schlotfeger verhelfen ihm dazu, dass er das gelegentlich auch eindrucksvoll demonstrieren kann. So sind die Schlotfeger auch zu einem Symbol für Recht und Ordnung geworden. Wenn zum Beispiel ein Hausbesitzer mit der fadenscheinigen Begründung, das Abgasrohr sei sauber, dem Schornsteinfeger den Zutritt zu seinem Haus verwehrt, dann ist es durchaus möglich, dass der Staat mit einem Rollkommando aus Polizisten und Beamten den Schornsteinfegern den Zutritt erzwingt. Oder er verhängt hohe Geldsbußen, natürlich streng nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, d. h. die Geldstrafen sind verhältnismäßig hoch. Eigentlich kann einem der Staat in dieser Rolle nur leid tun. Die Schlotfeger haben ihn da in eine Zwickmühle getrieben. Macht er nichts, verstößt er gegen das Prinzip. Setzt er das Schornsteinfegermonopol mit Gewalt durch, verteidigt er ein Gesetz, das der Bürger nicht mehr versteht, sodaß das alles nach Beamtenwillkür aussieht. Andererseits muß man mit dem Staat in dieser Hinsicht nicht zu viel Mitleid haben. Der Gesetzgeber hat sich das selber eingebrockt, weil er ein Gesetz verteidigt, das nicht mehr zeitgemäß ist und das er längst hätte abschaffen sollen. Solche Sachen passieren dem Staat leider öfter. Denken Sie nur an die Schwarzarbeit, da belegt der Staat arbeitswillige Menschen, die für sich selber sorgen wollen, mit drastischen Strafen. Doch die Schwarzarbeit ist heute nur deshalb der größte Wachstumsmarkt, weil es der Staat zugelassen hat dass die Steuern zu hoch sind und der Arbeitsmarkt überreguliert ist. Der Staat kriminalisiert und bestraft also Bürger wegen seiner eigenen Unterlassungssünden. Symbol für den Reformstau Nun könnte man natürlich sagen, haben die Leute, die sich mit dem Schlotfeger-Problem befassen, denn nichts Besseres zu tun? Das sind doch Bagatellen mit läppischen 100 Euro Gebühren im Jahr. Dabei haben wir doch ganz andere Probleme heutzutage: die Reform der sozialen Sicherungssysteme, die Reform des Arbeitsmarktes, die große Steuerreform. Aber genau das ist der Punkt, denn das alles hängt zusammen. Nehmen wir nur die große Steuerreform. Seit etwa 30 Jahren wird darüber diskutiert, man weiß genau was sein sollte, aber es geschieht nichts. Vielleicht kommt die Reform aber jetzt, wo es uns immer schlechter geht, doch langsam in Gang. Genauso ist es mit dem Schlotfeger(un)wesen. Der Ärger muß erst einen gewissen Punkt erreicht haben, bis die Politik langsam reagiert. Wer die Schlotfeger und einen guten Teil der Beamten, die sie beaufsichtigen, für überflüssig hält, muß natürlich auch die Folgen bedenken. Es geht um Arbeitsplätze! Wer am Schornsteinfeger-Monopol rüttelt, setzt Arbeitsplätze aufs Spiel! Ist uns etwa damit gedient, wenn überflüssige Schlotfeger und Beamte das Heer der Arbeitslosen noch vergrößern? Diese Frage sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, sie ist so alt wie die freie Marktwirtschaft und sie rührt an die Grundlagen des Wirtschafts-Verständnisses. Um sich nicht blenden zu lassen, von diesem Totschlag-Argument, muß man allerdings ein wenig nachdenken und das scheint mitunter schwierig zu sein, auch für Wirtschaftsminister. Nehmen wir an, die Hausbesitzer müssten die ca. 1,2 Milliarden Euro, die sie heute jährlich für überflüssige Schornsteinfegerarbeiten aufwenden, nicht ausgeben. Dann hätten sie und ihre Mieter mehr Geld. Das würden sie allerdings wahrscheinlich auch ausgeben, aber für ganz andere Dienstleistungen und Produkte. Dementsprechend entstünden durch den Mehrumsatz von 1,2 Milliarden in anderen Branchen neue Arbeitsplätze und zwar nicht nur mehr, sondern vor allem produktivere als in der um die Schlotfeger erweiterten Staatsbürokratie. Wer unproduktive, überflüssige Arbeitsplätze auf Kosten des Steuerzahlers finanziert, verhindert gleichzeitig, dass an anderer Stelle mehr und bessere Arbeitsplätze entstehen können und schadet damit der Volkswirtschaft insgesamt. Dahinter steht der alte sozialistische Irrglaube, dass Beamte, die meinen die Wirtschaft steuern zu müssen, gescheiter sind als die Millionen von Konsumenten, die in einer freien Marktwirtschaft täglich ihre Entscheidungen treffen. Und das genau ist seit vielen Jahren unser Problem. Statt mehr Markt zu schaffen und den Staat zurückzudrängen, lassen wir den Staat und die Gruppeninteressen immer weiter ausufern und wundern uns heute, dass wir überall das Schlusslicht sind, obwohl wir früher doch einmal wirklich gut waren. So langsam wächst die Erkenntnis, dass die Reformen, die sich seit vielen Jahren angestaut haben, ernsthaft in Angriff genommen werden sollten. Aber noch wird nur geredet, außer ein paar winzigen Schritten in die richtige Richtung ist bisher nichts geschehen. Unterschätzen wir also das Schlotfegerproblem und seinen Symbolwert nicht. Die Schornsteinfeger sind heute ein leuchtendes Symbol für den Reformstau. Dr.Dr. Horst Poller zurück zu den aktuellen Meldungen... | zum Archiv ... |
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